Victor, 42, from Nigeria

Victor, 42, Schweißer aus Nigeria

Victor, 42, from Nigeria
Victor, 42, from Nigeria

Mein Priester hat zu mir gesagt: „Victor, lauf so weit du kannst. Um deine Familie können wir uns kümmern. Aber dich wollen sie töten. Du musst gehen.“

Ich war schon einmal in Europa. In Italien. Ich hatte keine Papiere, das macht alles sehr schwer, aber ich verdiente irgendwie Geld , um meine Familie zu unterstützen. Mein Vater starb, als ich ein Kind war, seitdem habe ich immer für meine Mutter und meine Schwestern gesorgt. Doch dann wurde meine Mutter schwer krank und ich ging zurück nach Nigeria. Nach ein paar Monaten starb sie, eine meiner Schwestern starb kurz darauf, die andere ging in den Norden Nigerias und heiratete. Da war ich allein. Aber ich lernteein Mädchen kennen. Die war gut zu mir, sie kümmerte sich um mich. Ich war vorher Christ, auf dem Papier. Aber sie hat mir den wirklichen Glauben gezeigt. Nun, wir waren verliebt und sie wurde schwanger. Wir wollten heiraten.
Ich bin aus Imo, das ist eine Region im Osten Niegerias. Dort muss ein Mädchen eine Zeremonie durchlaufen, die dauert sieben Tage. Sie muss sich den Ältesten präsentieren, es ist ein großes Fest für viele Frauen. Sie malen sich an, sie tanzen. Erst dann darf das Mädchen heiraten. Ich brachte meine Freundin in mein Heimatdorf, damit wir die Zeremonie dort abhaltenund heiraten können. Aber die Ältesten sagten: „Sie ist schwanger, sie kann die Zeremonie nicht durchlaufen. Sie ist ausgeschlossen aus unserer Gemeinschaft. Sie muss gehen.“ Und ich sagte: „Aber ich will sie heiraten! Sie trägt mein Kind in ihrem Bauch!“ Die Ältesten sagten: „Das ist egal. Sie ist schwanger. Wir verstoßen sie.“ Und ich sagte: „Aber das Kind! Es ist doch mein Kind! Soll es etwa auf der Straße sterben?“ Aber es war nichts zu machen. Also sagten wir: Gut, wir beginnen woanders ein neues Leben. Sie drohten mir. Aber das war mir egal. Wir gingen nach Lagos im Westen. Eigentlich bin ich gelernter Schweißer. Aber dort arbeitete ich als Busfahrer. Wir lebten in einer kleinen Wohnung. Wir hatten nicht viel. Aber wir waren glücklich. Es ging uns gut. Meine Frau brachte 2010 ein Mädchen zur Welt. Ich war so glücklich! Mein Baby-Girl. Im Jahr 2012 bekamen wir noch einen Sohn . An die Leute aus meiner Heimat dachte ich gar nicht mehr. Nun, wir gingen oft in die Kirche. Aber die heilige Kommunion konnten wir nicht kriegen, denn wir waren nicht verheiratet. Dafür hatten wir kein Geld. Aber der Priester in unserer Gemeinde schlug vor: „Victor, wir machen eine Massenhochzeit für die armen Familien. Heiratet doch auch!“ Aber vorher sollte ich ein Dokument in meine Heimatstadt bringen. Dort sollten sie die Möglichkeit erhalten, Einspruch zu erheben.Damit niemand zweimal heiraten kann. Weil ich nicht nach Hause gehen konnte, brachte ein Cousin von mir das Dokument dorthin. Wir konnten heiraten. Die Kirche richtete eine Feier aus. Mit Kuchen und Getränken. Es war sehr schön. Das war am 27. Dezember 2013, da heirateten meine Frau und ich. In der zweiten Januarwoche, ich war gerade bei der Arbeit, die letzte Fahrt des Tages, da schrien auf einmal meine Fahrgäste. Ein Auto mit maskierten Männern in schwarzen Kleidern verfolgte uns. Ich fuhr wie ein Irrer. Irgendwann stellte ich den Bus ab und lief um mein Leben. Später hörte ich, dass die Angreifer meinen Bus angezündet und einige meiner Fahrgäste verletzt haben. Ich dachte:Naja, ein Überfall. Das passiert manchmal. Ich ging zur PolizeiDa sperrten mich die Polizisten ins Gefängnis und sagten: „Wenn du uns 50 Dollar zahlst, dann lassen wir dich wieder raus.“ Das ist sehr viel Geld in Nigeria. Am nächsten Tag hatte ich das Geld irgendwie organisiert. Eine Woche später war ich mit meiner Familie in der Kirche. Als wir zurückkamen war unsere Straße voller Rauch. Es war unser Haus! Sie hatten unsere Wohnung angezündet! Meine Frau hatte schreckliche Angst und weinte. Zur Polizei konnte ich nicht. Nochmal 50 Dollar – das konnte ich mir nicht leisten. Und sie hätten mir ja doch nicht geholfen. Mein Cousin sagte: „Victor, ich hörte aus unserer Heimat, dass sie dich überfallen haben. Sie haben zu mir gesagt, d: „Du kannst zwar davonlaufen, aber du kannst dich nicht verstecken. Sie wollen dich umbringen.“ Wer genau das war, wollte er mich nicht sagen. Aber, ja. Sie wollten mich töten. Weil ich nicht gehorcht habe. Weil ich eine Frau geheiratet habe, die sie verstoßen hatten. Aber was hätte ich denn tun sollen? Das war doch mein Kind! Meine Freundin! Hätte ich sie sich selbst überlassen sollen? Mein Priester sagte: „Victor, lauf so weit du kannst. Um deine Familie können wir uns kümmern. Aber dich wollen sie töten. Du musst gehen.“ Dann gab er mir 50 Dollar. Ich wollte irgendwo in Afrika bleiben. Mir etwas aufbauen, dann meine Familie nachholen. Ich wollte einfach nur in Ruhe mit meiner Familie leben. Erst ging ich nach Cotonu in Benin, ein Nachbarland von Nigeria. Dort arbeitete ich wieder als Schweißer. Beim Hausbau. Türen, Gitter und Fenster. Erst ging es gut. Dann hat mich die Polizei bemerkt. Ich hatte keine Papiere. Mal verhafteten sie mich , mal wollten sie 100 Dollar. Sie schlugen mich. Ich schloss mich Leuten an, die nach Libyen gingen. Viele gingen nach Libyen. Da sollte es besser sein, sagte man, es sollte dort Arbeit geben. Aber in Libyen war Krieg. Eine Zeitlang konnte ich arbeiten , aber dann schlugen überall die Bomben ein. Sie brachten uns Afrikaner in Camps. Am Meer. Dort legten auch die Boote an. Ich sah Menschen ertrinken beim Versuch, in die Boote zu klettern. Einfach so. Die Boote waren zu weit draußen, das Wasser zu tief, sie ertranken. Schließlich ging ich auch auf eines der Boote, denn ich wusste nicht, wo ich sonst hingehen sollte. Wir waren zwei Tage auf dem Meer, bis uns die Italiener rausfischten. Dieses tiefe Wasser unter uns. Ichdachte, hier solltest du nicht sein Victor. Aber es istgut gegangen.
Jetzt bin ich hier und will versuchen, meiner Familie von hier aus zu helfen. Seit zwei Jahren habe ich meine Frau und meine kleinen Kinder nicht gesehen. Immerhin habe ich es neulich geschafft, mit meiner Frau zu telefonieren. Sie weinte. Sie sagte, sie hat keine Kleiderfür die Kinder. Ich habe sagte: „Weine nicht, ich lasse mir was einfallen. Ich werde durch die Straßen gehen und wenn ich jemanden mit Kindern sehe, werde ich freundlich fragen: Sprechen Sie Englisch? Haben Sie vielleicht Kinderkleider, die Sie nicht mehr brauchen, die Sie sonst wegwerfen? Ich möchte Sie gern meinen Kindern schicken, wenn Ihnen das recht ist.“

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