Victor bei der Arbeit. Foto von Christian Schosser

Victor und die Integration

Victor bei der Arbeit. Foto von Christian Schosser
Victor bei der Arbeit. Foto von Christian Schosser

Victor beobachtet uns. Herrn Schosser, der sein Chef ist, meinen Mann, mich, Menschen, die er trifft. Wie verhalten wir uns. Er hört genau zu. Was sagen wir? Wie laut sagen wir es? Lachen wir? Und er fragt. Warum sind Deutsche immer so bescheiden, was ihre Arbeit angeht? Kinder dürfen hier sehr viel, oder? Warum seit ihr so ernst? Väter machen hier viel mit ihren Kindern, nicht wahr? Er versucht zu verstehen, wie das geht, Teil der deutschen Gesellschaft zu sein. Er will lernen, unbedingt. Deshalb ist er froh, wenn ich ihm erkläre, was Deutsche zu Tisch für gutes Benehmen befinden – und was nicht. Es war ihm schwer gefallen zu entwirren, welcher Teil unseres Verhaltens beim Essen „gutes Benehmen“ ist, welches eine irrelevante Beiläufigkeit. Er ist überrascht und schließlich freudig, als ich ihm erzähle, dass Homosexuelle in Deutschland nicht nur nicht bestraft werden, sondern (mehr oder weniger) gleichberechtigt sind. In Nigeria müssen Menschen mit bis zu 10 Jahren Haft rechnen, allein für das Bekenntnis zu ihrer Homosexualität. „Ja“, findet Victor, „es ist gut, wenn jeder Mensch sein Leben leben kann. Wenn der Staat ihn sein lässt, wie er ist. Deutschland ist ein gutes Land.“ Immer wieder ist er beeindruckt davon, was für ein gutes Land Deutschland ist.

Victor versucht zu begreifen, wie wir Deutschen ticken. Er hat verstanden: Pünktlichkeit ist uns sehr wichtig. Und Ordnung. Beides liegt ihm, er freut sich daran, dass wir Deutschen so sind. Er weiß mittlerweile, Deutsche mögen es leise. Im Bus wird geschwiegen, nicht gelacht und geredet. Er ist froh und erleichtert, wenn er merkt, dass er sich „richtig“ verhalten hat. Er tut alles, um sich gut zu integrieren. Er tut alles, was er kann, um unsere Sprache zu lernen.
Lange dachte ich, dass ihn unser Staat dabei unterstützt. Nur was Victor von seinen Kursen erzählte, fand ich seltsam. Auch Herr Schosser, Victors Chef, ärgerte sich. Ständig fallen Kurse aus, es gibt keine richtigen Arbeitsmaterialien. „Wie soll er da je zu etwas kommen?“ Herr Schosser ist aufgebracht und telefoniert mit dem Organisator. Die ernüchternde Auskunft: Victor bekommt gar keinen Integrationskurs. Er bekommt Kurse von Freiwilligen, die ihre Freizeit dafür opfern, einem großen Teil der Migranten unsere Sprache und unsere Kultur näher zu bringen. Ich bin peinlich berührt. Ich war einfach davon ausgegangen, dass Victor mit seiner Aufenthaltsgestattung und einer (okay, zeitlich beschränkten) Arbeitserlaubnis eine Hilfe bei der Integration bekommt. Nein, das tut er nicht. Menschen aus Syrien, Eritrea, Iran und Irak bekommen Unterstützung, auch vor ihrer Anhörung. Was schön ist. Für diese Gruppe. Victor ist, wie Tausende, auf sich gestellt. Und das sind nicht nur die mit schlechten Aussichten auf Asyl. Nein, diese Entscheidung gilt pauschal. Falsches Land – kein Integrationskurs. Victor macht das Beste daraus. Und er ist eifrig. Er will bestehen. Der Anspruch, dass er sich „korrekt“, also unseren Gepflogenheiten entsprechend verhalten soll, wird an ihn von Beginn an gestellt. Der Vorwurf ist schnell zu Hand, der empörte Blick, das Kopfschütteln, wenn „einer von denen“ zu laut im Bus telefoniert. Eine freundliche Erklärung kommt selten.
Wie schnell und reibungslos würden wir uns wohl in Lagos integrieren, so ganz ohne Unterstützung? Wie würden wir uns zurechtfinden, wenn wir keine Ahnung haben, wie der Alltag funktioniert, wie der Transport, wie man an Jobs kommt, was höflich ist und was extrem unhöflich. Und das alles ohne nennenswerte Ressourcen, ohne Kontakte, verfolgt von bösen Blicken, wenn uns ein Fehler unterlaufen ist, ohne zu wissen, was es dieses Mal war.

5 Gedanken zu “Victor und die Integration

  1. Hallo, Ich freue mich zu lesen, dass Victor einen Job hat und er Hilfe bekommt. Es hört sich so an, als hätte Victor Freunde gefunden, die ihn unterstützen! Vielleicht ist es möglich, Victor von mir und Birgit schöne Grüße zukommen zu lassen, wir haben Victor in seiner Anfangszeit in Deutschland, bei unserer ehrenamtlichen Arbei in der Notunterkunft Altötting kennen und schätzen gelernt.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Heigl Stefanie (Steffi)

    1. Hallo Stefanie Heigl,

      ich habe Victor Ihre Grüße ausgerichtet. Er hat sich sehr gefreut und kann sich sehr gut an Sie und Ihre Freundin erinnern. Er grüßt sie herzlich zurück.

  2. Hallo,
    ich zitiere mal folgende Passage:
    [blockquote]
    Ich war einfach davon ausgegangen, dass Victor mit seiner Aufenthaltsgestattung und einer (okay, zeitlich beschränkten) Arbeitserlaubnis eine Hilfe bei der Integration bekommt.
    [/blockquote]
    Demnach ist dieser Victor gar kein Asylsuchender, sondern ein Migrant?
    [blockquote]
    Wie schnell und reibungslos würden wir uns wohl in Lagos integrieren, so ganz ohne Unterstützung?
    [/blockquote]
    Als deutscher Auswanderer in Lagos würden wir ebenfalls keinerlei staatliche Unterstützung erhalten. Welchen gesetzlichen Anspruch auf staatliche Unterstützung gibt es denn überhaupt für Auswanderer (Migranten)? Man darf nicht, wie in diesem Artikel geschehen, unterschiedliche Sachverhalte vermischen und Ungerechtigkeit suggerieren, die eigentlich in dieser Form nicht existiert.

    1. Hallo Thomas Brück,

      danke für Ihre kritische Auseinandersetzung mit dem Blog-Eintrag. Ich habe offen gestanden nicht ganz verstanden, wie sie darauf kommen, dass Victor „Migrant“ ist und nicht Asylsuchender? Ich werde trotzdem eine Antwort versuchen. Doch, Victor ist ein Flüchtling und Asylbewerber mit laufendem Verfahren. Während dieses Verfahrens ist es möglich, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen – wenn der regionale Arbeitsmarkt Bedarf hat (es offene Stellen gibt, für die es keine geeigneten Bewerber aus Deutschland und dem EU-Ausland gibt). In München ist das der Fall für den Beruf des Gerüstbauhelfers. Und als das arbeitet Victor jetzt. Eine Aufenthaltsgestattung ist sozusagen ein „Durchgangsstatus“, bis das Verfahren abgeschlossen ist.
      Was Ihre Anmerkung zur „Vermischung“ angeht. Der von Ihnen zitierte Absatz bezieht sich auf das Verhalten der Menschen, nicht des Staates. Wir erwarten viel Integrationsleistung, kritisieren „Fehlverhalten“ schnell. Das Bild mit Lagos ist bewusst gewählt, um die Fremdheit einer Welt vor Augen zu führen und dass es eben kaum möglich ist, sich mit einem Fingerschnippen an die regionalen Gepflogenheiten anzupassen, da sie von außen oft schwer zu ergründen sind. Als Ergänzung noch: Tatsächlich erhielt Victor bis zum Antritt seiner Arbeitsstelle wirtschaftliche Unterstützung vom Staat. Was natürlich schön ist und vieles möglich gemacht hat. Hilfe bei der kulturellen Integration hat er de Facto nicht bekommen. Und genau dies ist für viele Flüchtlinge schwierig, weil ihnen der Ansatzpunkt fehlt, die kulturellen Hürden zu überwinden.

      1. Ich komme nicht darauf, dass „Victor“ ein Migrant ist, sondern habe es als Frage gestellt, weil es schlicht nicht aus dem Artikel hervorgeht. Zwischen Asylsuchenden und Migranten gibt es Überschneidungen, aber auch Sachverhalte, die man trennen muss. Das haben Sie dankenswerter Weise in Ihrem Kommentar erläutert. Ebenso war die Sache mit der Unterstützung missverständlich dargestellt worden. Es ist essntiell in solchen Dingen präzise zu beschreiben, damit eben keine Missverständnisse entstehen. Sicher bleibt die Erkenntnis bestehen, dass man als „Fremder“ im Ausland, in einer fremden Kultur, Probleme mit der Integration haben wird, wenn man keine Hilfe erfährt. Als Asylsuchender sollte Victor selbstverständlich auch die staatliche Unterstützung bekommen, die ihm und anderen Asylsuchenden zusteht. Leider wird nicht erklärt, warum das nicht geschieht, sondern die spezifische Situation pauschal als Statement einfach stehen gelassen.

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